Storytime: Bin ich das Ventil anderer?

Mit einem letzten Blick auf die Uhr verlasse ich die Wohnung. Ich schlendere das Treppenhaus herunter und freue mich innerlich auf einen guten Abend. Essen und Kino mit meiner besten Freundin. Durch mein graues Viertel gehe ich zu Fuß zum Hauptbahnhof. Grasgeruch steigt mir in die Nase. „Wohin des Weges junges Fräulein? Brauchst du noch nette Begleitung?“, höre ich aus der Richtung einer Männergruppe.  Lächelnd schüttele ich den Kopf und gehe weiter. Bemerkungen dieser Art gehören für mich seit ich am Düsseldorfer Hauptbahnhof wohne zum Alltag. Zugegebenermaßen konnte mich das anfangs noch aus der Ruhe bringen, aber mit der Zeit wurde mir klar, dass die Typen harmlos sind und nur ein bisschen Aufmerksamkeit wollen. An sonnigen Tagen kommt es vor, dass ich für ein paar Worte mal anhalte und mir eine der neuen Stories anhöre, doch heute ist dafür keine Zeit.

Am Hbf angekommen sehe ich auf der Anzeige, dass meine Bahn bereits fünf Minuten Verspätung hat. „Perfekt. Dann ist ja noch Zeit für einen Coffee to go!“, denke ich und steuere Backwerk an. Der Kaffeegeruch lässt mein Herz höher schlagen und auch die Tatsache, dass nur eine Kasse geöffnet ist und die Schlange endlos lang scheint, bringt mich jetzt nicht aus der Ruhe. Im Gegenteil: Das Warten auf dem Bahnsteig, wo mir der eiskalte Wind um die Ohren wehen würde, wurde durch den Geruch von frischgemahlenen Bohnen und warmen Croissants ersetzt. Jackpot.

Freitagabend – Feierabend. Gefühlt die halbe Welt drängelt sich durch den Hauptbahnhof ohne Rücksicht auf Verluste. Mit meiner Handtasche fest im Griff, komme ich nachdem mich insgesamt vier entnervte Reisende angerempelt haben, endlich am überfüllten Bahnsteig an.

Eigentlich wäre ich schon zu spät gewesen, aber bei fünf Minuten Verspätung des Zuges ist es natürlich nicht geblieben. Zehn weitere Minuten Wartezeit liegen vor mir. Ich nehme den ersten Schluck meines Kaffees und spüre die Wärme in meinem Bauch. Ich beobachte das rege Treiben auf dem Bahnsteig. Polizisten, die in Erwartungshaltung auf die bald antreffenden Fußballfans stehen. Ein kleiner Mann im Anzug, rot gestreifter Krawatte und schwarzer Aktentasche, der immer wieder genervt auf die Anzeige blickt und versucht den Zug in der Ferne zu erspähen. Eine Mutter, die sich mit angespanntem Gesicht bemüht, ihre drei kleinen quengelnden Kinder ruhig zu stellen und ein schnaubender Mann, der unentwegt mit sich selber redet: „Eine Unverschämtheit…Schon wieder Verspätung.. Scheiß Deutsche Bahn.“ Er steht nur ein paar Zentimeter von mir entfernt. Ich schaue ihn an und muss grinsen. Mir fällt das Zitat von Ella ein: „Nichts ist so schlecht, dass nicht auch etwas Gutes daran ist“. Mit diesem Gedanken nippe ich erneut an meinem Kaffee und spüre den Luftzug der ankommenden Bahn.

Wie immer möchte natürlich am liebsten jeder als Erstes in den Zug. Mit ein wenig Abstand beobachte ich das Gedränge und warte bis sich die Traube vor der Bahntüre auflöst. Ich schiebe mich auf dem Bahnsteig an den Personen vorbei, die gerade aus dem Zug ausgestiegen sind und lasse mich von der Masse in die offene Tür drücken.

In der Bahn angekommen, bitte ich ein junges Mädchen ihre Einkaufstüten vom letzten freien Sitzplatz zu nehmen. Sie schaut mich mit funkelnden Augen an, nimmt aber trotzdem kopfschüttelnd ihre Tüten zu sich. Ich lasse mich auf den Platz sinken und tippe eine kurze WhatsApp Nachricht an Rebecca, damit sie weiß, dass ich zu spät sein werde. Immer mehr Menschen quetschen sich durch den Gang. Ein unangenehmer Schweißgeruch zieht mir in die Nase. Ich inhaliere meinen Kaffee.

„Jetzt ist er schon zu spät, soll er doch mal endlich losfahren. Was wollen diese ganzen Menschen hier? Man kann ja auch die nächste Bahn nehmen.“, höre ich eine entnervte Stimme. Es ist der Mann, mir gegenüber. Der Mann, der am Bahnsteig bereits neben mir stand. Der Mann, der soviel negative Energie in sich trägt, dass es mir fast den Atem raubt. Er trägt riesige schwarze Kopfhörer und seine zusammengepresste Daunenjacke liegt auf seinem Schoß. Die Arme vor der Brust verschränkt.

Ich atme tief ein. Ich freue mich auf den Abend. Ich erinnere mich daran, wie schön der Tag war und wie schön der Abend werden wird. Die Bahn setzt sich in Bewegung. Verächtliches Jubeln meines Gegenübers: „Ja klasse! Sind ja auch nur 15 Minuten Verspätung bisher.“ Ironie kann er.

„Ey, du Affe! Was soll das?! Siehst du nicht, dass hier alles voll ist?“, höre ich eine raue Männerstimme wenige Augenblicke später brüllen. Ein weiterer Mann drückt sich an ihm und seinen zwei Begleiterinnen, die im Gang stehen, vehement vorbei. Er schiebt sich durch und kreischt dabei in heller Stimme:“Ich muss durch. Ich muss vorbei. Auf Seite!“. Eine der beiden Frauen im Gang kreischt hysterisch: „Er hat mich angefasst. Belästigung! DU SCHWEIN!“. Andere Reisende mischen sich ein, sprechen wild hin und her, tuscheln, schütteln den Kopf. Ich blicke den Mann an. Er hat eine deutlich sichtbare Behinderung: Down-Syndrom. Mitgefühl kommt in mir auf. Durch meine Kindheit, in der ich mit einer geistig behinderten Stiefschwester aufgewachsen bin, bin ich mir bewusster, dass viele Aktionen anders aufgefasst werden, als gemeint und das Unverständnis von Außenstehenden den Betroffenen nur so entgegen schwappt. Ich will was sagen, aber ich lasse es. Die Situation ist schon vorbei. „Ich zeige dich an du Perversling“, redet sich der Begleiter der beiden Frauen in Rage und wird von der anderen Frau beschwichtigt. Angefasst hat er sie nicht. Er ist einfach etwas zu direkt und unvorsichtig an ihnen vorbei.

Wie sollte es anders sein, mischt sich letztendlich auch mein Gegenüber ein. Er zieht die Kopfhörer runter und richtet sich zu der Gruppe: „Hat er was gemacht? Eingesperrt, nein direkt eingewiesen gehören solche Leute!“

Mir wird schlecht. Einatmen – ausatmen. Ich spüre innerlich, dass mir die Situation nahe geht. Ich möchte mich aber von der Negativität der anderen nicht herunterziehen lassen. „Ich könnte mich jetzt aufregen, aber ich möchte es nicht. Ich entscheide mich bewusst dagegen.“

Bei jedem Blick auf die Armbanduhr verdreht mein Gegenüber erneut die Augen. Er kaut die Nägel seiner angeschwollenen Wurstfinger. Er starrt mich eindringlich an. Dann schmatzt er wieder, macht große Blasen mit seinem Kaugummi und schaut im Minutentakt auf die Anzeige. Beim Kauen erinnert er mich an eine wiederkäuende Kuh. Nur leider sind Kühe auf grünen, schönen, weitläufigen Weiden um einiges entspannter.

Ich schließe die Augen und versuche meine Aufmerksamkeit wieder nur auf meine Vorfreude zu richten. Wir werden La La Land schauen, vorher lecker bei Vapiano essen gehen. Ich sehe meine beste Freundin. Wir werden über die vergangene Woche reden und uns über unsere neuesten Ideen austauschen.

„Wegen eines vorbeifahrenden Zuges, verzögert sich die Weiterfahrt um ein paar Minuten.“, tönt es durch die Lautsprecher. „Was ein WIXXER dieser Zugfahrer!!! Ich verpasse meinen Anschluss!“ brüllt mein Gegenüber. Seine Wurstfinger nun zu dicken Fäusten geballt. Tränen vor Wut in seinen Augen. „Wie kann man so behindert sein? Ich habe Geld für mein Ticket gezahlt. Bares Geld!“. Er wischt sich die Schweißtropfen von seiner Stirn und schaut mich mit zornigem Blick an. Ich muss mir meine Hand vor meinen Mund halten, um mein Lachen zu verbergen. Er sagt nichts. Sein Blick gibt mir zu verstehen, dass er in diesem Augenblick selber gemerkt hat, wie unbegründet seine Aufregung gerade ist. Er schaut aus dem Fenster, hört weiter Musik und steigt ein wenig entspannter an der nächsten Station aus.

Auch ich bin nach zwei weiteren Stationen endlich bei meiner Freundin angekommen. Mir wurde klar, wie viel Negativität ich in der letzten Stunde abbekommen hatte und wie viel Mühe es mich selber gekostet hat, ruhig und entspannt zu bleiben.

Ständig sind Menschen in Stresssituationen den Stimmungsschwankungen anderer ausgesetzt. Personen nutzen andere Menschen als Ventil, um ihren eigenen Frust loszuwerden. Ob bewusst oder unbewusst, werden wir durch negative Aussagen in eine Richtung gezogen. Negativ denken fühlt sich schlecht an, es macht uns krank und es bestimmt unser Leben. Wir empfinden das, worauf wir uns konzentrieren.

Du kannst selber entscheiden, worauf du dich konzentrieren möchtest. Tu es!

 

8 Gedanken zu “Storytime: Bin ich das Ventil anderer?

  1. Cat schreibt:

    Wow, ein wundervoll geschriebener Text, liebe Jenny ❤ 🙂
    Hat mich manchmal zum Schmunzeln gebracht (weil ich manche Situationen auch kenne,haha) aber das Verhalten der anderen Menschen fand ich an einige Stellen auch erschreckend…
    Ich bewundere dich dafür total, dass du trotz allem ruhig und positiv geblieben bist; ich glaube leider nicht, dass ich das geschafft hätte.
    Ich fand es ultra spannend, dadurch in deine Gedanken einzutauchen und es gibt nichts interessanteres als Leute zu beobachten 😀

    Dein Schreibstil ist richtig klasse, hat mir sehr gefallen, das zu lesen (:

    Liebe Grüße
    Cat von KitCatx

    Gefällt 1 Person

    • Jennys Journal schreibt:

      Danke liebe Cat ❤️ ein wundervolles Kompliment, das meinen Tag noch schöner macht 🙂 Es gelingt mir auch nicht immer, aber ich merke immer mehr Verbesserung! Was hat man auch davon, nicht wahr? 🙂 es geht ja doch nicht schneller. Und bei allem, was man nicht beeinflussen kann, kann man zumindest versuchen, das Beste draus zu machen 😘 schönen Sonntag noch 🙂 Jenny

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  2. Lotta & Luisa schreibt:

    Hey, echt guter Post. So was erlebt man ja leider immer wieder… Ich merke selber, dass ich mich häufig von der schlechten Laune anderer anstecken lasse, aber ich versuche auch dagegen zu halten! 🙂
    Schönen Tag dir!
    ❤︎lichst Lotta

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    • Jennys Journal schreibt:

      Hallo Lotta, vielen lieben Dank für deinen Kommentar! Ja, ich denke es geht den meisten Menschen so. Es freut mich aber, dass du auch Wege findest, das zu umgehen 🙂 Danke auch fürs Folgen! Deinen Blog schau ich mir direkt mal an. Hab einen tollen Abend. Liebe Grüße Jenny

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